Wer hat´s erfunden? Der Clemens Wilmenrod natürlich!

Deutscher Fernsehkoch der Wirtschaftswunderzeit. Man sieht am Beispiel Clemens Wilmenrod, dass die Kochshows, die einem heute unvermeidlich ins Auge springt, wenn man den Fernseher einschaltet, keineswegs eine Erfindung der Privatsender sind! Nein, ganz im Gegenteil, dieses Sendeformat wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aus der Taufe gehoben. Bedauerlicherweise vergass man es später wieder und war völlig überrascht, als vor einigen Jahren plötzlich Jamie Oliver, Tim Mälzer und andere scheinmoderne Küchengurus aus der Hitze ihrer Küchen auftauchten um sich vor Publikum zu produzieren.

Bedauerlicherweise ist das Sendeformat mittlerweile derart ausgelutscht, dass man es kaum noch sehen kann und meist schnell weiterzappt, um den altklugen Pseudoweisheiten der selbsternannten Küchengötter zu enkommen.

Arabisches Reiterfleisch ist nur eine der genialen Kreationen des Don Clemente. Er gilt auch als Erfinder des Hawaii-Toasts und – ganz besonders putzig anzusehen – der gefüllten Erdbeere.

Wilmerod starb im Alter von nur 60 Jahren in einem Münchner Krankenhaus. Er beging Selbstmord, vermutlich, weil er an Magenkrebs erkrankt war! Er hat die deutsche Fernsehlandschaft auf seine ganz eigene Art geprägt und seine Ideen waren genauso ungewöhnlich, wie sie damals neu und erfolgreich waren. Die Geschichten, die er während seiner Sendungen im Zusammenhang mit den von ihm kreierten Rezepten (und die sind sicher von seiner Frau zumindest mit entwickelt worden, die im Kochstudio hinter den Kulissen eifrig das kochte, was er vor der Kamera als sein eigenes Werk aus zu geben pflegte!), waren genauso an den Haaren herbei gezogen, wie die oft abenteuerlichen Zutatengemische! Aber sie waren anders als alles, was die Menschen vor den Bildschirmen kannten und sie kamen ihrem Bedürfnis nach exotischen und aussergewöhnlichen Genüssen nach den Hungerjahren sehr entgegen.

Bücher:

  • „Es liegt mir auf der Zunge“ von Clemens Wilmenrod – Hoffmann u. Campe (1954)

  • „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ von Clemens Wilmenrod – Hoffmann u. Campe (1956)

  • „Wie in Abrahams Schloss. Brevier für Weltenbummler und Feinschmecker“ von Clemens Wilmenrod, Hamburg, Hoffmann und Camp, (1958)

  • „Im Fernsehen gekocht“ von Clemens Wilmenrod – Hoffmann u. Campe (1963)

  • „Französische Küche“ von Clemens Wilmenrod – Vollmer (1963)

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Wer erfand die Currywurst?

Die Currywurst wurde in Deutschland erfunden! In Berlin! In einem Imbiss an der Ecke Kantstraße/Kaiser-Friedrich-Straße und zwar von der guten Herta Heuwer! So sagt man! Es war der 4. September des Jahres 1949, als die Currywurst das Licht der Welt erblickte und ihren Siegeszug rund um die Welt, zumindest aber durch Deutschland, antrat. So steht es jedenfalls auf einer Gedenktafel, die man zu Ehren Herta Heuwers im Jahre 2003 am einstigen Standort ihrer Imbissbude angebracht hat. Aber so ganz genau weiss man es natürlich nicht. Denn die Ehre, des Deutschen liebstes Fastfood erfunden und damit die Adipositas und die Herzverfettung gesellschaftsfähig gemacht zu haben, würden gern auch andere für sich in Anspruch nehmen. Zum Beispiel in Hamburg. Aber das spielt letztendlich überhaupt keine Rolle. Der Herzinfarkt in der Pappschale ist auch heute noch en vogue.

Currywurst war besonders in der Zeit des Wirtschaftswunders ein sehr beliebter Snack für zwischendurch, ersetzte aber auch eine ganze Mahlzeit, wenn es sein musste. Fastfood auf deutsch also, denn die Würste, aus denen man die Currywurst „zauberte“ bestanden zu einem großen Teil aus nichts anderem als Fett. Dazu die Sauce, angereichert mit Currypulver aus was auch immer und fertig ist die ungesunde Schnellfressmahlzeit für wenig Geld! Dazu ein altes, weiches Brötchen, mehr war nicht nötig, um den einfachen Deutschen glücklich und halbwegs satt zu machen. Dazu ein kleines Bierchen aus der Pulle, Herz, was willst Du mehr?

Die Imbissbuden schossen damals wie Pilze aus dem Boden und überall konnte man, regional ein wenig variierend, die obligatorische Currywurst kaufen. Heute findet man nur noch wenige Wurstbuden, am ehesten noch auf der Mess´, der Kerwe, oder dem Rummelplatz. In den Innenstädten wurde die Currywurst in einem brutalen Verdrängungswettbewerb vom Döner verdrängt! Wo früher kleine Eckkneipen waren, gibt es heute Dönerläden. Und ich habe nichts gegen Döner. Nur nicht überall und jeden Tag. Wo früher Currywurst zu haben war, als kulinarischer Höhepunkt, gibt es jetzt Döner im Fladenbrot oder als Yufka. Den edlen Duft einer in die Fritteuse geschmissenen Currywurst und der dazugehörenden Ingredienzien, wie Ketchup und Currypulver, findet man heutzutage nur noch äußerst selten. Mit einer Ausnahme – seit einigen Jahren gibt es Currywurstbuden, an denen man sich mit extrem scharfen Saucen profilieren kann. Vorausgesetzt, man hat jemanden dabei, der den Defibrilator bedienen kann, wenn es einem die Luft abgedreht hat. Und so muss ich mich immer mal wieder fragen:“Wo ist nur die Zeit geblieben?“ Aber eine Antwort darauf, die hab ich bis heute nicht gefunden…

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Freddy Quinn – Der Junge von St. Pauli

Einer der bekanntesten Künstler des Wirtschaftswunders war der Sänger und Schauspieler Freddy Quinn, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst ein bewegtes und unstetes Leben geführt hatte, wie so viel andere Menschen auch in jener Zeit, die das Schicksal irgendwohin verschlagen hatte. 1931 in Wien geboren, war Freddy Quinn, der sehr sprachbegabt war, bereits kurz nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht in die USA gereist, um seinen Vater aufzusuchen, der sich in den USA niedergelassen hatte. Da der aber bereits 1943 nach einem Unfall verstorben war, schickte man ihn zurück nach Europa, wo er zunächst wieder in Wien lebte, aber bald darauf Südeuropa und Nordafrika bereiste. Er arbeitete als Zirkusartist und als Musiker und wurde im Jahr 1954 in Hamburg von Talentsuchern entdeckt.

1956 veröffentlichte er seine Schallplatte bei Polydor mit den Titeln „Sie hieß Mary Anne“ auf der „A“-Seite und „Heimweh“ auf der „B“-Seite. Diese „B“-Seite wurde sein erster Nummer-1-Hit in Deutschland. Bis 1966 hatte Freddy Quinn 9 weitere Titel auf Platz 1 der deutschen Hitparade gebracht darunter „Heimatlos“, „Der Legionär“, „Die Gitarre und das Meer“, „Unter fremden Sternen“, „La Paloma“, „Junge, komm bald wieder“ und „100 Mann und ein Befehl“.

Freddy Quinn, La Guitarra Brasiliana, 7"Single, Polydor, Foto: A. Ohlmeyer

Freddy Quinn, La Guitarra Brasiliana, 7″-Single, Polydor, Foto: A. Ohlmeyer

Seine Lieder handelten meist von Fernweh, Heimweh, Sehnsucht, Einsamkeit und dergleichen. Damit kam er bei seinem Publikum sehr gut an, die noch Jahrzehnte an den Kriegserlebnissen und unter der Vertreibung aus der Heimat zu kauen hatten und seine melancholischen Stücke sehr schätzten. Daneben trat Freddy Quinn auch immer wieder in Filmen auf, in der Regel Musikfilmen, die nicht nur seinen Namen im Titel trugen, sondern ihm auch auf den Leib geschrieben waren. Darüber hinaus sang er das ein oder andere Liedchen dazu, was sich nicht schlecht auf die Plattenverkäufe ausgewirkt haben dürfte. Die Filme waren damals im Kino echte Kassenschlager, obwohl nicht nur die Story reichlich dünn war, sondern auch Freddy Quinns schauspielerisches Talent mit dem Charisma eines hölzernen Bengeles vergleichbar war. Jedenfalls nach meinen persönlichen Massstäben.

Freddy Quinn, Weit ist der Weg, 7"Single, Polydor, Foto: A. Ohlmeyer

Freddy Quinn, Weit ist der Weg, 7″-Single, Polydor, Foto: A. Ohlmeyer

Dennoch lässt es sich nicht verleugnen, dass Freddy Quinn damals als der Traum jeder potenziellen Schwiegermutter galt. Und auch die Mädels schmachteten dem Freddy hinterher. Soweit ich weiss, ist er zwar nie verheiratet gewesen, war aber mit seiner „Managerin“ Lilli Blessmann liiert, bis diese 2008 starb.

Freddy Quinn, Unter fremden Sternen, 7"Single, Polydor, Foto: A. Ohlmeyer

Freddy Quinn, Unter fremden Sternen, 7″-Single, Polydor, Foto: A. Ohlmeyer

Natürlich war und bin auch ich bis heute ein Fan von Freddy Quinn und seinen Platten, besonders die frühen Singles, sind Prunkstücke meiner wachsenden Vinyl-Sammlung. Dafür bin ich auch gerne bereit den ein oder anderen Euro hin zu legen. UNd das muss man auch, wenn man Qualität bei knapp 60 Jahre alten Platten erwartet und nicht nur Rauschen aus der Box hören will.

Ich erinnere mich gut, wie ich damals immer vor dem alten Röhrenradio gesessen habe und der Musik lauschte. Wenn Freddy Quinn zu hören war, und das war recht oft, sang ich stets aus vollem Halse mit. Auch seine Filme ließ ich mir nicht entgehen…

  • 1958: Heimatlos
  • 1959: Freddy, die Gitarre und das Meer
  • 1959: Freddy unter fremden Sternen
  • 1960: Freddy und die Melodie der Nacht
  • 1960: Weit ist der Weg
  • 1961: Nur der Wind
  • 1961: Freddy und der Millionär
  • 1962: Freddy und das Lied der Südsee
  • 1963: Heimweh nach St. Pauli
  • 1964: Freddy und das Lied der Prärie
  • 1964: Freddy, Tiere, Sensationen

…um hier nur die bekanntesten zu nennen. Bisweilen laufen sie auch heute noch im Fernsehen und sind sicher immer noch gern gesehen von den älteren Semestern. Da spielt es auch keine Rolle, dass Freddy Quinn 2004 wegen Steuerhinterziehung zu 2 Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt wurde, die er vermutlich aus seiner Brieftasche bezahlt haben dürfte. Aber das macht ihn zu keinem schlechteren oder besseren Menschen, als die meisten anderen Angehörigen des Establishments, wo das Vorenthalten von Steuern zum guten Ton zählt und sicher nichts auch nur annähernd Ehrenrühriges wäre.

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Die Wandmaske

Bei einem meiner Flohmarktbesuche fand ich diese Wandmaske einer dunkelhäutigen Schönheit, die mich sofort fasziniert hat. Ich musste sie haben. Solch Wandschmuck fand man häufig in den 50er und 60er Jahren in den Wohnstuben des Wirtschaftswunders der aufstrebenden Bundesrepublik. Qualitativ ist sie jetzt nicht so besonders hochwertig. Aber dafür war der Preis sehr angemessen…

Wandmaske 50er Jahre, Foto: A. Ohlmeyer

Wandmaske 50er Jahre, Foto: A. Ohlmeyer

…solche Masken wurden von u. a. von der Porzellanfabrik Cortendorf in unzähligen Varianten produziert, die 1890 im Ortsteil Cortendorf, Stadt Coburg gegründet worden war und erzielen heute bisweilen atemberaubende Preise. Abhängig von der einst hergestellten Stückzahl und dem Motiv. 1973 wurde die Porzellanfabrik Cortendorf von der ebenfalls im Landkreis Coburg ansässigen Porzellanfabrik W. Goebel übernommen. Diese ging 2006 in Insolvenz. Zu ihren Produkten gehörten auch die bekannten Hummel-Figuren.

Auffallend oft handelte es sich bei den abgebildeten Schönheiten, die künstlerisch in einer Wandmaske verewigt wurden, um exotische Frauen. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, kann ja mal bei eBay reinschauen und sich das Angebot betrachten. Auch auf Flohmärkten kann man an dem ein oder anderen Stand immer mal ein, zwei solcher Masken finden. Meist fallen sie mir aber leider erst dann ins Auge, wenn ich mein Budget schon ausgeschöpft habe. Aber der Sommer ist noch jung und ich auch noch halbwegs, also sollte dieses Jahr noch das eine oder andere Cortendorf-Prachtstück drin sein.

Wer sich für Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenstände aus dem Wirtschaftswunder erwärmen oder sogar begeistern kann, der wird immer wieder fündig und oft kann er auch sicher sein, ein echtes Schnäppchen nach Hause zu tragen. Klar ist aber auch, wo ein bekannter Name drauf steht, da muss auch der entsprechende Gegenwert in Euro auf den Flohmarkttisch gelegt werden. Allzu leicht kann man aber mit seiner Vermutung falsch liegen, ein Stück aus den 50er oder 60er Jahren ergattert zu haben. Denn der Händler ist nur zu gern bereit, die Vermutung (wider besseres Wissen) zu bestätigen, wenn er den Eindruck gewinnt, der potentielle Kunde suche gerade das. Es hat also gewisse Vorteile, sich vorher etwas zu informieren, damit man auch sicher sein kann, dass das, was man da erstanden und erfeilscht hat, auch dem entspricht, was man haben wollte. Denn nichts ist ärgerlicher, als die späte Erkenntnis, dass die Vase aus den 50er Jahren, die man günstig erworben hat, lediglich ein Teil aus den späten Siebzigern ist…

Doo Wop in höchster Vollendung!

The Turbans schufen im Jahre 1955 mit dem Stück „When You Dance“ einen echten Klassiker des Doo-Wop-Genre und schrieben sich damit in die Geschichte des Doo Wop ein. Wie ich recherchieren konnte, entstanden The Turbans als afro-amerikanische Doo Wop Gesangsgruppe in Philadelphia/USA in der Besetzung mit Al Banks (erster Tenor), Matthew Platt (zweiter Tenor), Charlie Williams (Bariton), and Andrew „Chet“ Jones (Bass). Ab Sommer 1955 bis 1962 traten sie professionell als Doo Wop und R&B-Gruppe auf. Noch in 1955 veröffentlichten sie „When You Dance“, das eigendlich die „B“-Seite von „Let Me Show You (Around My Heart)“ war, aber dennoch später im Jahr bis auf Platz #3 der R&B Charts stieg und sich dort 2 Monate lang halten konnte.

Für mich persönlich ist das ihr schönstes Stück gewesen, gleichwohl sie noch eine ganze Reihe anderer Titel folgen ließen. Unter anderem erschienen auch „B-I-N-G-O“ im Jahr 1956 und „Diamonds and Pearls“ 1960.

Heute habe ich diese wunderbare 7″-Single Schallplatte bekommen und muss, nachdem ich sie vorsichtig auf den Plattenteller gelegt und gespielt habe, neidlos anerkennen – diese Platte ist genial, der Klang nahezu kristallklar, so gut wie kein Rauschen und Kratzen, also jeden einzelnen Cent wert.

The Turbans "When You Dance" 1955 Single 7" Foto: A. Ohlmeyer

The Turbans „When You Dance“ 1955 Single 7″ Foto: A. Ohlmeyer

Diesmal habe ich mir diese Musik bei einem großen Online-Händler (record sale) aus Berlin gekauft. Ich zahlte zwar „etwas“ mehr, als auf dem Flohmarkt üblicherweise, aber wie ich mich selbst überzeugen konnte, nein musste, war das kein Fehler. Meist kann man sogar zwischen verschiedenen Qualitäts-, bzw. Erhaltungsgraden wählen, was sich natürlich im Preis wieder findet.

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Es ist alles ganz anders…

…heutzutage, aber das ist ja auch kein Wunder. Wir leben in einer „globalisierten“ und modernen Welt, die mit dem nicht zu vergleichen ist, was sich unseren erstaunten Augen bot, als wir das Licht dieser Welt erblickten. Das war, jedenfalls was mich betrifft, im Jahr 1960 der Fall.

Heute schreiben wir das Jahr 2015 und es ist, wenn wir es genau nehmen, nichts mehr so, wie es einmal war! Mein Vater ist gestorben, meine Mutter eine alte Dame geworden und ich selbst bin stolzer Opa und darüber hinaus mit einer Großmutter verheiratet. Als ich durch das, damals mit Vollgas laufende, Wirtschaftswunder zu stolpern begann, gab es keine Handys, erst recht keine Computer oder gar Schubabschaltung beim Auto, keine Spielkonsolen und MP3-Player mit abertausenden von Songs, die aus dem Internet herunter geladen worden waren (meist mehr oder weniger legal), lagen weit außerhalb dessen, was man sich damals vorzustellen vermochte. Man legte Platten auf und benutzte dazu einen Plattenspieler, den man an ein Radio stöpselte, damit man etwas hören konnte. Die Plattenspieler besaßen schließlich keine Lautsprecher (jedenfalls die billigeren nicht), oder gar einen eingebauten Receiver. also nahm man das Röhren- oder Kofferradio zur Hand, stöpselte die Chinchstecker in die dazugehörigen Buchsen und konnte dann loslegen. Besser betuchte Mitglieder der Wohlstandsgesellschaft besaßen durchaus schon so etwas, wie einen Plattenwechsler, damit man nicht immer nach etwa 1:30 bis 2:00 Minuten Spielzeit die schwarze Vinylscheibe wechseln musste. Ein mechanisches System sorgte dafür, dass man mehrere Schallplatten übereinander stapeln konnte, die dann einzeln auf den Plattenteller herunterfielen, und im Anschluss an die gerade abgenudelte Platte abgespielt wurde. Herum drehen musste man die Platten natürlich immer noch selber, denn dazu war der Plattenwechsler nicht in der Lage.

7" Vinyl Singleschallplatten mit Salzstangenspender, Foto: A. Ohlmeyer

7″ Vinyl Singleschallplatten mit Salzstangenspender, Foto: A. Ohlmeyer

Aber auch wir haben Partys gefeiert. Mit zehn, zwölf Jahren legten wir auf unsere Plattenspieler dann schon Langspielplatten und hatten so eine Weile Ruhe. Damals gab es keine Diskjockeys, die die Platten zerscratchten. Das übernahmen die Plattenspieler meist von ganz allein, wenn die Platten zerkratzt und die Nadel des Tonabnehmers schon reichlich abgenutzt war. Und es ging dennoch. Es reichte allemal, um mit der Auserkorenen einen Stehblues zu tanzen.

Dual Party 295 Kofferplattenspieler, ca. 1957/58, Foto: A. Ohlmeyer

Dual Party 295 Kofferplattenspieler, ca. 1957/58, Foto: A. Ohlmeyer

Fernsehen war noch schwarzweiß und die Sendezeit betrug noch nicht 24 Stunden täglich. Man hatte keine Auswahl zwischen 50 oder 60 Programmen, über deren Qualität man sich eigentlich nicht zu streiten braucht. Denn sie haben in der Regel keine! Das öffentlich-rechtliche Fernsehen nahm seinen Bildungsauftrag sehr ernst und sofort versuchte sich die Politik Einfluß zu verschaffen, indem sie sich in die Aufsichts- und Programmräte hinein drängte. Das Fernsehen hatte noch etwas von Improvisation. Es konnte zu Senderausfällen kommen und dann war eben zwanzig Minuten Ruhe angesagt. Man kannte die Gesichter auf der Mattscheibe und erfreute sich an Quizsendungen. Edgar-Wallace-Filme fegten die Straßen einer jeden Stadt buchstäblich leer. Und wenn das Indische Halstuch erneut zum Erdrosseln eines Opfers benutzt wurde, hielt das versammelte Publikum ebenfalls die Luft an!

Am Nachmittag liefen ein paar Kindersendungen. Zeichentrickfilmchen, Slapstick und dergleichen. Damit konnte man uns etwa eine Stunden vor dem Bildschirm festhalten. Davor und danach waren wir draußen an der Luft, spielten die Gangsterfilme in Wald und Flur nach und ansonsten trugen wir heftige Schlachten zwischen Cowboys und Indianern aus, denn jeder von uns hatte die Bücher von Karl May gelesen und wusste wie man Blutsbrüderschaft schloss! Auf jeden Fall war ein Messer notwendig. Und Blut! Kein Wetter konnte uns im Haus halten und wenn wir mal keine Lust hatten nach draußen zu gehen, weil die Kumpels vielleicht im Urlaub, oder sonstwie verhindert waren, dann jagte uns unsere Mutter hinaus auf den Spielplatz, damit wir nicht im Wege waren, wenn sie die Wohnung in Ordnung brachte!

Videospiele? Telefonieren? SMS ohne Sinn und verstand zu tausenden verschicken? No way. Wir schrieben Briefchen und deponierten sie in toten Briefkästen. Und damit nicht jeder finder unsere geheimen Nachrichten lesen und verstehen konnte, schrieben wir in Chiffren! Unsere Spiele liefen mit dem Betriebssystem, dass man Phantasie nannte und das heute nicht mehr sehr vielen Kindern bekannt ist! Und rings um uns tobte das Wirtschaftswunder. Alles war ein Abenteuer. Die ganze Welt war ein Abenteuerspielplatz. Heute ist die Welt ein Ding dass mit dem Leben nicht mehr viel zu tun hat. Manchmal muss man in die Welt hinaus gehen, um von einem abgeschlossenen Ort zum andern zu gelangen. Beispielsweise von der Wohnung zur Schule, zum Shopping-Center und dann wieder dorthin zurück, wo man sich am sicheren Monitor die Welt da draußen in 3D und sogar mit höherer Auflösung anschauen kann, als sie in Wirklichkeit ist!

Früher gab es kein ADHS. Es gab Kinder, die waren ein wenig phlegmatisch und es gab solche, die eine Spur lebhafter waren als andere Kinder. Heute stellt man sie ruhig, indem man sie mit Ritalin abfüllt und sie „therapiert“. Was für ein modernes Leben? Klar, modern, aber auch erstrebenswert? Kinder sind heute zu kleinen Erwachsenen verkommen. So wie es schon einmal im Mittelalter der Fall war. Man beginnt die lieben Kleinen bereits auf eine berufliche Karriere vorzubereiten, bevor sie noch den Kindergarten verlassen haben! Noch bevor irgendwer irgendeine Eignung festgestellt und sich die Charaktere heraus gebildet haben! Nicht ohne Grund hat man ja auch das Turbo-Abi eingeführt und das Gymnasium von 9 auf 8 Jahren verkürzt. Die Industrie braucht Arbeitskräfte. Willig sollen sie sein und vor allem billig. Willfährig ist natürlich noch viel besser und je länger sie der Wirtschaft arbeitstechnisch zur Verfügung stehen, desto besser ist es. Ein zwei Jahre früher ins Berufsleben eingestiegen und dafür ein paar Jahre länger gearbeitet, so entlastet man nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Rentenversicherung. Denn wer in seinem Leben gut und gerne 5 oder 10 Jahre länger arbeiten muss, als seine Altvorderen, der wird, davon können wir getrost ausgehen, sozialverträglich früher ableben – und das ist ja schließlich auch schon mal was!

Das sind nur ein paar Gründe, die mich in meinem Wunsch bestärken, wieder in den 50er und 60er Jahren leben zu wollen. Gleichwohl ist mir natürlich bewusst, dass das so nicht möglich ist. Aber ich bin nun in einem Alter, in dem ich mir das Recht dazu heraus nehmen kann, mich über die gegenwärtigen Zustände zu beschweren und mich nach der Vergangenheit, die mit zunehmendem zeitlichen Abstand freilich einen zunehmend güldenen Glanz erhält, bis sie irgendwann in einer wundervollen Gloriole erstrahlt, die sie der Realität zu entrücken scheint!