Es ist alles ganz anders…

…heutzutage, aber das ist ja auch kein Wunder. Wir leben in einer „globalisierten“ und modernen Welt, die mit dem nicht zu vergleichen ist, was sich unseren erstaunten Augen bot, als wir das Licht dieser Welt erblickten. Das war, jedenfalls was mich betrifft, im Jahr 1960 der Fall.

Heute schreiben wir das Jahr 2015 und es ist, wenn wir es genau nehmen, nichts mehr so, wie es einmal war! Mein Vater ist gestorben, meine Mutter eine alte Dame geworden und ich selbst bin stolzer Opa und darüber hinaus mit einer Großmutter verheiratet. Als ich durch das, damals mit Vollgas laufende, Wirtschaftswunder zu stolpern begann, gab es keine Handys, erst recht keine Computer oder gar Schubabschaltung beim Auto, keine Spielkonsolen und MP3-Player mit abertausenden von Songs, die aus dem Internet herunter geladen worden waren (meist mehr oder weniger legal), lagen weit außerhalb dessen, was man sich damals vorzustellen vermochte. Man legte Platten auf und benutzte dazu einen Plattenspieler, den man an ein Radio stöpselte, damit man etwas hören konnte. Die Plattenspieler besaßen schließlich keine Lautsprecher (jedenfalls die billigeren nicht), oder gar einen eingebauten Receiver. also nahm man das Röhren- oder Kofferradio zur Hand, stöpselte die Chinchstecker in die dazugehörigen Buchsen und konnte dann loslegen. Besser betuchte Mitglieder der Wohlstandsgesellschaft besaßen durchaus schon so etwas, wie einen Plattenwechsler, damit man nicht immer nach etwa 1:30 bis 2:00 Minuten Spielzeit die schwarze Vinylscheibe wechseln musste. Ein mechanisches System sorgte dafür, dass man mehrere Schallplatten übereinander stapeln konnte, die dann einzeln auf den Plattenteller herunterfielen, und im Anschluss an die gerade abgenudelte Platte abgespielt wurde. Herum drehen musste man die Platten natürlich immer noch selber, denn dazu war der Plattenwechsler nicht in der Lage.

7" Vinyl Singleschallplatten mit Salzstangenspender, Foto: A. Ohlmeyer

7″ Vinyl Singleschallplatten mit Salzstangenspender, Foto: A. Ohlmeyer

Aber auch wir haben Partys gefeiert. Mit zehn, zwölf Jahren legten wir auf unsere Plattenspieler dann schon Langspielplatten und hatten so eine Weile Ruhe. Damals gab es keine Diskjockeys, die die Platten zerscratchten. Das übernahmen die Plattenspieler meist von ganz allein, wenn die Platten zerkratzt und die Nadel des Tonabnehmers schon reichlich abgenutzt war. Und es ging dennoch. Es reichte allemal, um mit der Auserkorenen einen Stehblues zu tanzen.

Dual Party 295 Kofferplattenspieler, ca. 1957/58, Foto: A. Ohlmeyer

Dual Party 295 Kofferplattenspieler, ca. 1957/58, Foto: A. Ohlmeyer

Fernsehen war noch schwarzweiß und die Sendezeit betrug noch nicht 24 Stunden täglich. Man hatte keine Auswahl zwischen 50 oder 60 Programmen, über deren Qualität man sich eigentlich nicht zu streiten braucht. Denn sie haben in der Regel keine! Das öffentlich-rechtliche Fernsehen nahm seinen Bildungsauftrag sehr ernst und sofort versuchte sich die Politik Einfluß zu verschaffen, indem sie sich in die Aufsichts- und Programmräte hinein drängte. Das Fernsehen hatte noch etwas von Improvisation. Es konnte zu Senderausfällen kommen und dann war eben zwanzig Minuten Ruhe angesagt. Man kannte die Gesichter auf der Mattscheibe und erfreute sich an Quizsendungen. Edgar-Wallace-Filme fegten die Straßen einer jeden Stadt buchstäblich leer. Und wenn das Indische Halstuch erneut zum Erdrosseln eines Opfers benutzt wurde, hielt das versammelte Publikum ebenfalls die Luft an!

Am Nachmittag liefen ein paar Kindersendungen. Zeichentrickfilmchen, Slapstick und dergleichen. Damit konnte man uns etwa eine Stunden vor dem Bildschirm festhalten. Davor und danach waren wir draußen an der Luft, spielten die Gangsterfilme in Wald und Flur nach und ansonsten trugen wir heftige Schlachten zwischen Cowboys und Indianern aus, denn jeder von uns hatte die Bücher von Karl May gelesen und wusste wie man Blutsbrüderschaft schloss! Auf jeden Fall war ein Messer notwendig. Und Blut! Kein Wetter konnte uns im Haus halten und wenn wir mal keine Lust hatten nach draußen zu gehen, weil die Kumpels vielleicht im Urlaub, oder sonstwie verhindert waren, dann jagte uns unsere Mutter hinaus auf den Spielplatz, damit wir nicht im Wege waren, wenn sie die Wohnung in Ordnung brachte!

Videospiele? Telefonieren? SMS ohne Sinn und verstand zu tausenden verschicken? No way. Wir schrieben Briefchen und deponierten sie in toten Briefkästen. Und damit nicht jeder finder unsere geheimen Nachrichten lesen und verstehen konnte, schrieben wir in Chiffren! Unsere Spiele liefen mit dem Betriebssystem, dass man Phantasie nannte und das heute nicht mehr sehr vielen Kindern bekannt ist! Und rings um uns tobte das Wirtschaftswunder. Alles war ein Abenteuer. Die ganze Welt war ein Abenteuerspielplatz. Heute ist die Welt ein Ding dass mit dem Leben nicht mehr viel zu tun hat. Manchmal muss man in die Welt hinaus gehen, um von einem abgeschlossenen Ort zum andern zu gelangen. Beispielsweise von der Wohnung zur Schule, zum Shopping-Center und dann wieder dorthin zurück, wo man sich am sicheren Monitor die Welt da draußen in 3D und sogar mit höherer Auflösung anschauen kann, als sie in Wirklichkeit ist!

Früher gab es kein ADHS. Es gab Kinder, die waren ein wenig phlegmatisch und es gab solche, die eine Spur lebhafter waren als andere Kinder. Heute stellt man sie ruhig, indem man sie mit Ritalin abfüllt und sie „therapiert“. Was für ein modernes Leben? Klar, modern, aber auch erstrebenswert? Kinder sind heute zu kleinen Erwachsenen verkommen. So wie es schon einmal im Mittelalter der Fall war. Man beginnt die lieben Kleinen bereits auf eine berufliche Karriere vorzubereiten, bevor sie noch den Kindergarten verlassen haben! Noch bevor irgendwer irgendeine Eignung festgestellt und sich die Charaktere heraus gebildet haben! Nicht ohne Grund hat man ja auch das Turbo-Abi eingeführt und das Gymnasium von 9 auf 8 Jahren verkürzt. Die Industrie braucht Arbeitskräfte. Willig sollen sie sein und vor allem billig. Willfährig ist natürlich noch viel besser und je länger sie der Wirtschaft arbeitstechnisch zur Verfügung stehen, desto besser ist es. Ein zwei Jahre früher ins Berufsleben eingestiegen und dafür ein paar Jahre länger gearbeitet, so entlastet man nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Rentenversicherung. Denn wer in seinem Leben gut und gerne 5 oder 10 Jahre länger arbeiten muss, als seine Altvorderen, der wird, davon können wir getrost ausgehen, sozialverträglich früher ableben – und das ist ja schließlich auch schon mal was!

Das sind nur ein paar Gründe, die mich in meinem Wunsch bestärken, wieder in den 50er und 60er Jahren leben zu wollen. Gleichwohl ist mir natürlich bewusst, dass das so nicht möglich ist. Aber ich bin nun in einem Alter, in dem ich mir das Recht dazu heraus nehmen kann, mich über die gegenwärtigen Zustände zu beschweren und mich nach der Vergangenheit, die mit zunehmendem zeitlichen Abstand freilich einen zunehmend güldenen Glanz erhält, bis sie irgendwann in einer wundervollen Gloriole erstrahlt, die sie der Realität zu entrücken scheint!